Text zu Waldo Bien’s
Skulptur 'The Death Room Interior'(1985-006)
durch
Leoni See. Berlin Juli 1994
Eine kurze Einführung und der
Beginn eines Abenteuers
Ich
besuche Waldo Bien 1991 in seinem Atelier.
Adalbertstrasse 95/96 in Berlin- Kreuzberg. Wir haben uns in einem Copy-Laden kennen gelernt, wo ich gerade einen F.A.Z.
Artikel vervielfältigte, den ich über eine künstlerische Aktion im Ural, 'Spiel
aus Feuer und Wasser', geschrieben hatte. Der neugierige Blick Waldos
überfliegt die Zeilen, und bei der Frage nach dem Autor, werden wir miteinander
bekannt. Bis zu diesem Zeitpunkt weiss ich noch
nichts über Waldo Bien, seinen künstlerischen Ansatz
und sein wandlungsreiches Leben.
Erst
im Atelier erfahre ich, dass ich nicht nur einem Künstler, sondern mehr noch
einem Weltreisenden begegnet bin, der in allen Regionen menschlichen Denkens
und Seins zu Hause scheint. Es war noch nicht lange her, dass er von einer
seiner weiten Reisen in oft unwirtliche Gegenden und schwer erträgliche
Landschaften dieses Planeten Erde zurückgekehrt war. In üblicher Manier: mit
über die Massen gefüllten Kisten, Tornistern, Säcken, und Sperrgut, das oft nur
per Schiff oder Flugzeug seinen Weg nach Europa findet. Es ist ein Reisegepäck
voller geologischer Fundstücke, voller 'Souvenirs' und Erinnerungen an die Welt
"als Niederschlag aus der Menschennatur" (Novalis), bestückt mit
Relikten der Erd- und Menschheitsgeschichte, und Ablagerungen ehemals dynamischer
Prozesse, die Leben konstituierten. Aus ihrem Zusammenhang gerissen, sind sie
Treibgut der Erdzeitalter und Fingerabdrücke dessen, was einst Gegenwart war
und heute Zeugnis ablegt von unserem Gewordensein.
Diesmal
war es Afrika und vor allem die Nilquellen, die Waldo Bien
erkundet hatte und von denen er jahrtausende altes Sedimentgestein mitbrachte,
das jetzt wunderlich und geheimnisvoll, wie große, farbige Kreideklumpen auf
einem Holz Tableau ausgebreitet liegt. Erste 'Bilder'
sind schon daraus entstanden - 'reine' Farbe, hingehauchte
Zeit. Die Dimension dieser aus und in Rhythmen entstandenen Ablagerungen zu
Farbe entzieht sich beinahe jeder Vorstellung. Es ist schwierig, die
Verdichtung begrifflich zu fassen, die entsteht, wenn Zeit-Räume einen
materiellen Ausdruck finden. Ausdehnung scheint einzuschmelzen. Mit linearem
Denken ist diesem 'Phänomen' nicht beizukommen.
Über
den Atelierboden verstreut liegen Bruchstücke aus der Natur, seltsame und
seltene Formen, die an ihrem gewohnten Ort ganz natürlich und 'alltäglich'
wirken. Hier erhalten sie plötzlich musealen, 'exotischen' Charakter. Doch das
Fremde, Getrennte verschwindet, sobald der Künstler Herz, Kopf und Hand anlegt
und in bearbeitender Wieder-Holung erneut
zusammenfügt, was als Teil der großen Erdenentwicklung ohnehin zueinander
gehört. Er baut die Brücke, die Welt als "die Summe des Vergangenen und
von uns Abgelösten" (Novalis) ins Hier-Sein und
vor unsere empfindende An-Schauung bringt.
Als
ich gehe, zeigt mir Waldo das Photo einer frühen Arbeit. Sie heißt 'The Death Room
Interior' und wurde bis dato nur ein einziges Mal
ausgestellt. Ich solle mir überlegen, ob ich etwas darüber schreiben wolle. Und
viel später bringt er mir eine puppenstubengroße Glasvitrine vorbei, in der die
Rauminstallation - exakt nachgebildet in miniature platziert ist. Und wiederum
viel später kann ich - in Amsterdam – die Arbeit im Original sehen. Ich bin
erschreckt und beeindruckt, und ich lasse mir viel Zeit mit dem Ja-sagen. Doch nun ist es soweit. Sie, liebe Mitreisende,
erhalten hier den Niederschlag meiner Begegnung mit The
Death Room Interior, 'dem Sterbezimmer'.
Der erste
Blick/Vor-Stellung/Assoziation
Krankenstation.
Ein Zimmer, weiß getüncht. Ohne Patient. Vertrautes Mobiliar. Ein Gitterbett.
Die Laken sind abgezogen. Die Matratze, dreigeteilt, liegt bloß. Ein Kissen.
Ein Nachtschrank. Urinflasche mit Kasten unterm Bet.
Ein
Wandschirm.
Ein Sessel. Ein blaues Bild an der Wand. Vor dem Fenster Herbst zwischen
immergrünen Pflanzen. Doch, ähnlich einem Photonegativ, ist bei diesem Mobiliar
alles umgekehrt: das sonst Weiße ist schwarz. Die Seiten sind vertauscht, und
das Innen wird plötzlich zum Außen. Als habe sich die Wirklichkeit umgestülpt,
gleich einem Handschuh, den man, gewendet, wieder anzieht.
In
Krankenhäusern ist dieses Zimmer immer dasjenige, in dem die letzten Dinge
geschehen. Dorthin werden die Menschen abgeschoben, vielleicht auch gebettet
und mehr oder weniger liebevoll, begleitet. Doch letztendlich sind sie allein,
auf dem letzten Teil ihrer (Erden-)Reise, die ja schon mit ihrem Beginn eine
Reise zurück war. Ankommen, um fortwährend zu (Er)Sterben. Schon der erste
irdische Moment, der erste Atemzug und wahrscheinlich schon der Augenblick der
Zeugung, ist Sterben. Anfang und Ende sind in eins zusammengerollt. Wir
entfalten uns, um zu Sterben, und sind mit jedem Atemzug näher der Rückkehr.
Jeder Aufbau ist zugleich schon Abschließen, Sterben. Die Natur stellt es uns
immerzu vor Augen, z.B. im Wesen der Pflanze, die sich aus dem Samen über die
Keimblätter zu Stengel und Blättern ausformt, Blüten
treibt, Früchte und Samen bildet und so fort. Der Kreis schließt sich und
beginnt erneut, in kleinen und großen Rhythmen, gestaltet sich im irdischen und
im kosmischen Jahreslauf. Auch der Lebenslauf des Menschen ist nichts anderes
als Geborenwerden, Wachsen, Blühen, Frucht tragen, Samen bilden und Sterben.
Immer von neuem und immerwährend in Entwicklung.
'The Death Room
Interior' - nur ein Bild hierfür, als inszenierter
Raum, der schnell 'erklärt' ist; ein Symbol, eine Metapher für das Ende? Ein
Verweis auf 'die letzten Dinge'? Vielleicht auch der Versuch, das
übersinnliche, nicht Fassliche in die An-Schauung zu
bringen? Eine Hommage gar, aber an wen und wozu und warum aus Kohle und Eisen?
Eine erste Hilfe.
In
der Kunst kommt es nicht an: "auf ein Verkörpern eines übersinnlichen,
sondern (es geht) um ein
Umgestalten
des Sinnlich-Tatsachlichen. Das Wirkliche soll nicht
zum Ausdrucksmittel herabsinken: nein, es soll in seiner vollen Selbständigkeit
bestehen bleiben; nur soll es eine neue Gestalt bekommen, eine Gestalt, in der
es uns befriedigt. Indem wir irgendein Einzelwesen aus dem Kreise seiner
Umgebung herausheben und es in dieser gesonderten Stellung vor unser Auge
stellen, wird uns daran vieles sogleich unbegreiflich erscheinen. Wir können es
mit dem Begriffe, mit der Idee, die wir ihm notwendig zugrunde legen müssen,
nicht in Einklang bringen. Seine Bildung in der Wirklichkeit ist eben nicht nur
die Folge seiner eigenen Gesetzlichkeit, sondern es ist die angrenzende
Wirklichkeit unmittelbar mitbestimmend. Hätte das Ding sich unabhängig und
frei, unbeeinflusst von anderen Dingen entwickeln können, dann nur lebte es
seine eigene Idee dar. Diese dem Dinge zugrunde liegende, aber in der
Wirklichkeit in freier Entfaltung gestörte Idee muss der Künstler ergreifen und
sie zur Entwicklung bringen. Er muss in dem Objekte den Punkt finden, aus dem
sich ein Gegenstand in seiner vollkommensten Gestalt entwickeln lässt, in der
er sich aber in der Natur selbst nicht entwickeln kann. Die Natur bleibt eben
in jedem Einzelding hinter ihrer Absicht zurück. ( ... ) Der Künstler muss aber
auf das zurückgehen, was ihm als die Tendenz der Natur erscheint." (1)
Etwas
Imaginärem, intuitiv Geschauten wird Ausdruck verliehen; der Impuls wird
festgehalten und kommt so in die - materielle Realität, wird Form. So gesehen,
wäre Form nichts anderes, als eine Ab-Bildung dessen,
was sich aus den Gründen der Seele, aus den Tiefen des Geistes herausgestalten,
und sich an-schaulich und damit fassbarer zeigen
will.
Ein
Kristallisationspunkt für das Sterbezimmer war ganz sicherlich Waldo Bien's Begegnung mit den kleinen Bergarbeiter Häusern in Heerlen und der Art und Weise, wie in diesen Häusern ein
Zimmer hergerichtet wird, wenn der Tod Einzug halten will. Eine Art
Abstellgleis zur Vorbereitung auf das große Mysterium. Das Zimmer ist meist
karg, nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.
Der
letzte Raum braucht keinen Schmuck. Er liegt im Erdgeschoss, des leichteren
Zugangs wegen, und im hinteren Teil des Hauses. Die Männer, die hier sterben,
leiden oft an der Staublunge, einer zwangsläufigen Folge ihrer Tätigkeit unter
Tage - Kohle und Eisen/Metalle aufzufinden - abseits von jedem Licht, in der
Tiefe und Dunkelheit der Erde. Hier, in diesen 'letzten' Zimmern leben sie
meist allein und elendiglich um Luft ringend dem entgegen, was Tod und Ende
heißt. Der Atmungsprozess ist erschwert, unterbrochen. Das Blut kann nicht mehr
genügend Sauerstoff aufnehmen. Der Kontakt mit der Welt, mit dem Außen, funktioniert
dadurch nicht mehr. Die Teilhabe am Leben, an seinen schöpferischen Prozessen
ist ins Stottern geraten. Die Lungenbläschen sind zerstört, sie können den
lebensnotwenigen Sauerstoff nicht mehr transportieren, der für die Blutbildung
(Blut ist der Träger für das Seelisch/Geistige im Menschen) so notwendig ist,
für die Wärme, die unseren Körper beseelt. Viele Bergleute zahlen mit ihrem
Leben dafür, dass anderen Menschen Wärme und Licht zuteil wird, dass das Dunkle
- die Kohle - sich verwandeln kann im Kreislauf menschlicher Aktivitäten. Sie
sind im weitesten Sinne gedacht, Lichtbringer und deuten auf etwas hin, das
häufig vergessen wird: dass wir, als Menschen, aufeinander angewiesen sind, das
wir in einen Rhythmus, in ein Geben und Nehmen gebunden sind, unser Leben lang.
Assoziation
Atem,
Blut und Eisen. Ohne Eisen kein Blut. Ohne Blut kein tierisches und
menschliches Leben, keine Möglichkeit, dem Geist Raum, Lebens-Raum zu bieten.
Blut, dieser "ganz besondere Saft". Der menschliche Geist braucht das
Blut, um seine Strahlkraft dem Körper einzuverleiben. Mit jedem Atemzug nehmen wir
Geist - dem wir den Namen Luft gegeben haben - in uns auf. Wir sind uns dessen
meist nicht bewusst, aber wir werden fortwährend ge(be-)atmet.
Naturwissenschaftlich findet beim Ein- und Ausatmen der Austausch zwischen
Sauerstoffbeladenem und kohlendioxydhaltigem Blut statt, und die Lunge ist gewissermaßen
der Bahnhof, an dem die Züge ankommen. Hier ist
die
Verbindung 'zur Welt', der große Warenumschlagplatz. Und wenn der Fahrplan nicht
eingehalten wird, kommt das äußerst sensible, hochkomplexe System aus dem Takt.
Der (Lebens)Rhythmus stimmt nicht mehr, die Balance zwischen Innen und Außen
gerät außer Kontrolle. Wir kommen außer Atem und sehr nahe jenem Zustand, der
den Übergang bildet vom Leben zum Tod und vom Tod zum Leben. Wenn der Atem
aufhört, beginnt etwas anderes, ein anderer Seins-Zustand, wie umgekehrt aus
diesem anderen Seins-Zustand mit dem ersten Atemzug der Zyklus eines
menschlichen Lebens seinen erneuten Beginn nimmt. Geburt und Tod sind immer
Anfang und schwingen im großen Weltenrhythmus, den wir in unserem Fühlen wieder
finden können. "Mehr als man glaubt, lebt der ganze Weltenrhythmus in uns,
das lässt sich sogar zahlenmäßig nachweisen, nur wissen die wenigsten Menschen
etwas von diesen Geheimnissen des Daseins.
Bedenken Sie, dass wir in einer Minute ungefähr 18 Atemzüge machen.
Diese 18 Atemzüge multipliziert mit 60, geben die Atemzüge einer Stunde; dieses
multipliziert mit 24 gibt die Atemzüge in einem Tag und einer Nacht. Wenn Sie
18 mal 60 mal 24 rechnen, so bekommen Sie heraus: 25 920. Das heißt, sie machen
soviel Atemzüge in einem Tag, als die Sonne Erdenjahre braucht, um durch ihr
eigenes Jahr durchzugehen. Derselbe Ryhtmus ist in
Ihrem Atmen innerlich, der äußerlich im Gang der Sonne ist. (Die alten Griechen
nannten diesen Sonnenumlauf von 25 920 Jahren auch das große Weltenjahr oder
das platonisches Jahr). Die Menschen
müssen lernen, in ein bewusstes Verhältnis zum Kosmos sich zu setzen, weil es
anders nicht mehr gehen wird." (2)
Schalten und Walten
Jetzt
erscheint ein anderes Bild, schon vertrauter. Ein Zimmer mit dem Nötigsten, mit
der denkbar geringsten Ausstattung zum (über-) Leben. Eine Bett-Statt, ein
Sitz-Element, ein Schänkchen zur Aufnahme und Ablage weniger Utensilien. Ein
Schirm, zum Schutz gegen fremde Blicke. Das Bild an der Wand ist schon das
'Mehr', das nicht mehr nur 'Notwendige'. Das Schwere, das Schwarze ist
erdrückend. Doch der schwebende
Glanz
der Kohle scheint dem zu widersprechen. Die Lust, dieses Glänzende zu berühren,
ist fast unbezwinglich.
Immer wieder zieht mich der 'Sessel' zu sich.
Kein einladender
Ort
zum Sitzen. Abweisend, thronend, scheint hier die Masse der schwarzen Kohle
direkt heraufzusteigen aus dem Erdreich.
Bezwungen
und eingegrenzt von den eisernen Halteelementen, der Armierung, Umarmung. Für
Momente scheint diese eiserne Schiene ein Verband zu sein, eine unvollkommene,
notdürftige Fassung, als habe jemand zuwenig Wundmaterial gehabt, um zu
beschützen, zu halten. Felsiges und Uraltes rollen heran. Die Throne der Götter
und ihrer Statthalter, der Seher, Priester und Könige, auch der Feldherren und
Tyrannen. An vielen Orten könnte man sich einen Bruder dieses erratischen
Blockes vorstellen. Wie seltsam sich die exakt gehauenen Stufen der Rückenlehne
ausnehmen
gegenüber dem ungeschlachten, wie hingeworfenen Sockel, dessen Grundriss die
Zahl vier, das Viereck bildet. Stufen,
die nach oben führen, doch jäh begrenzt sind von einem eisernen Steg, dessen
Justierung, zwei an Schrauben erinnernde Eisenelemente, ihre Häupter gleich
Antennen ins Leere, in den Raum stecken. Hörner, Antennen, Empfänger wofür?
Propheten, auch Mose, trugen 'Hörner' als Zeichen
ihrer Sehergabe, ihres Vermögens, mit den Göttern in Kontakt zu sein. Noch
Michelangelo hat Mose so dargestellt.
Rechts
und links ragt das eiserne Band ein wenig über die Breite der stufigen
Rückenlehne und gibt dem wuchtigen Block beinahe etwas Luftiges, ein wenig
Spielerisches. Doch zugleich baut sich auch eine Spannung auf zwischen 'unten'
und 'oben', zwischen dem mächtigen Korpus und der höchsten, 'dünnsten' Stelle
der Plastik. Ein Art Druck ist beinahe physisch zu spüren. Als sei das Strecken
in die optimale Proportion – von Sitz und Lehne - gewaltsam verhindert worden.
Die Eisenkeile, zu beiden Seiten des Blocks unterstreichen diese
Aufwärtsbewegung. Doch hier scheint der 'Gang nach oben' nicht unterbrochen.
Ober die schmale Brücke der Justierungselementen ist
er dorthin frei. Und mit einemmal wird das Erdenkreuz sichtbar, an das wir als
Menschen geschlagen sind. Gespannt in die Polarität, auch die von Gut und Böse,
wie in ein eisernes Joch. Doch es gibt eine Verbindung zur Unendlichkeit des
Raums, zu dem, was nicht an das Erdelement gebunden ist.
Kohle. Pflanze. Licht
Die
Kohle ist verwandeltes Pflanzengrün. Sie erwächst aus der größten Verdichtung
von dem Licht angehörenden Wachstumsprozessen. Im Vorgang der Photosynthese
bilden sie mit Hilfe des Sonnenlichtes Chlorophyll, den grünen
Pflanzenfarbstoff. Man könnte auch sagen, sie speichern das Licht oder sie
sind/waren nur, weil es das Licht gibt. Das Grün wandelt sich in der Kohle zu
Schwarz. Wir sagen auch: das Schwarze schluckt alles Licht, in ihm hat keine
Farbe bestand, während das Weiße alles Licht zurückwirft. In der wissenschaftlichen
Betrachtung der Farben gehen deshalb auch die Meinungen auseinander, ob Schwarz
und Weiß noch zu den Farben gerechnet werden dürften oder ob sie nicht vielmehr
'neutrale' Werte seien, außerhalb des Reigens, der sich im Regenbogen
gestaltet.
Pflanzengrün
ist verwandeltes Licht, das erstirbt. Denn die Pflanze ist der Vergänglichkeit
preisgegeben. Grün wäre also "das tote Bild des Lebens". (4) Und
schwarz. Was ist dann die Farbe schwarz? Zwangläufig drängt sich die Polarität
auf, zu weiß, zu Helligkeit und Licht, als sei das Schwarze, das Finstere erst
zu fassen durch sein Gegenbild und umgekehrt. Rudolf Steiner bietet eine
mögliche Erklärung. "Versuchen Sie einmal mit dem Schwarzen, mit der
Finsternis etwas anzufangen! Sie können (damit) etwas anfangen. Es ist ja
zweifellos das Schwarze sehr leicht in der Natur zu finden, so als eine
Eigentümlichkeit, als eine wesenhafte Eigentümlichkeit von etwas, wie das Grüne
eine wesenhafte Eigenheit ist von der Pflanze. Sie brauchen nur die Kohle sich
anzusehen. Und um sich
noch
erhöht das vorzustellen, dass da das Schwarze irgendetwas mit der Kohle zu tun
hat, stellen sie sich vor, das die Kohle auch ganz hell und durchsichtig sein
kann: dann ist sie allerdings ein Diamant.
So stark wesenhaft ist das Schwarz für die Kohle, dass eigentlich die
Kohle verdankt ihr finsteres, schwarzes Kohlendasein eben der schwarzen
Finsternis, in der sie erscheint. Geradeso wie die Pflanze ihr Bild irgendwie
hat in dem Grünen, so hat die Kohle ihr Bild in dem Schwarzen. Leben wird aus der Pflanze vertrieben, indem
sie zur Kohle wird. Also das Schwarze zeigt schon, dass es dem Leben fremd ist,
dass es dem Leben feindlich ist, denn die Pflanze, indem sie verkohlt, wird
schwarz." (4)
Klarheit
schält sich aus Finsternis. Kohle birgt den Diamanten. Doch die Verwandlung
geschieht unter dem Druck der Gewalten. Zu strahlen beginnt er erst, wenn er
durch Menschenhand veredelt wird. Die Natur arbeitet verdichtend, der Mensch
enthüllend; er lüftet den Schleier. Ahnend erkennt er bereits Form und Gestalt
im noch 'tumben' Gestein.
Der verstellte Blick
Der
Blick von innen nach außen und von außen nach innen ist verstellt. Einerseits
Schutz, andererseits Versagung. Wer soll vor was 'geschützt' werden? Die
Lebenden vor den Sterbenden oder umgekehrt? Die schon Beinahe-Toten
vor den Noch-am Leben Seienden?
Der
Paravant ist durchlässig, Man kann durch eines der Segmente ganz und
durch eines teilweise hindurch-/herübersehen. Das 'Guckloch' im zweiten Segment
tragt ein filigranes Netzmuster, welches man sich als Gitter eines Beichtstuhls
vorstellen könnte, als Sieb oder 'Kontaktschwelle' von 'hier nach dort' und
umgekehrt. Ein 'Fenster', das zwar Hören, doch Sehen nur eingeschränkt erlaubt.
Es gibt kein 'Von Angesicht zu Angesicht'.
Bett-Statt
Dieses
Bett, es steht auf unsicheren Füssen. Die Beine des Fußendes sind nach innen
gebogen. Ihre Kraft geht nicht geradlinig in den Boden, sie erscheint
umgeleitet, als wolle sich da der Beginn eines Kreislaufs herausbilden, oder
sei jäh abgebrochen. Doch merkwürdig, gerade diese 'Instabilität', scheint die
gesamte Konstruktion zu halten. Was erst beim zweiten Blick sichtbar wird, das
Bett steht schief. Und es ist das Kopf-Ende - mit seinen nach oben, über sich
hinausweisenden Stäben/'Antennen' - das kaum noch Halt zu geben vermag. Wie
auch die 'Winkelelemente', die Rahmen, Kopf- und Fußteil miteinander verbinden,
auf einmal nicht mehr sehr verlässlich wirken. Je länger Blick und Wahrnehmung
verweilen, desto deutlicher baut sich eine Spannung auf zwischen Halten und
Zerbrechen. Was zuerst so massiv in Erscheinung trat, ist auf einmal fragil und
höchst bedroht in seinem Gleich-Gewicht. Rahmen und 'Bett' scheinen dem
'Innenleben', der schwer lastenden Kohle, nicht gewachsen. Ein Sturz steht zu
befurchten, den auch die eiserne Blende an der linken Seite des Rahmens nicht
aufhalten wird. Bewirkten die Eisenelemente bei dem 'Sessel' ganz
offensichtlich brachialen Halt, Eingrenzung und 'Umarmung' ist diesem Element
hier schwerlich eine 'tragende' Funktion zuzuordnen. Es akzentuiert allerdings
die beiden genau unter ihm platzierten Behältnisse, hebt deren Stand-Ort
hervor. Das Bild eines Verbandes schiebt sich nach vorn. Die linke Seite ist
verwundet, sie braucht Unterstützung, braucht Pflege und Fürsorge. Links, die
Seite der Gefühle, der Kreativität, des weiblichen Denkens, die Seite des
Herzens.
Die
gekrümmten Beine beschäftigen mich. Bei einer telefonischen Nachfrage, wollte
Waldo Bien nicht mehr darüber sagen, als dass es sich
hierbei um den Ausdruck einer Erfahrung handelt, die er beim Kamelreiten
machte. Was das wohl zu bedeuten hat?
Zwischen-Zeit
E
i n Bild springt mich regelrecht an. Es
ist eines jener 'Tafelbilder', die in einem ganz besonderen, von Waldo Bien 'er-(ge-)fundenen'
Verfahren entstehen. Photos, (persönlich/biographische) Momentaufnahmen,
fixierte Zeit-Räume
künstlerisch
gestalteter (Alltags-)Situationen, sind in eine 'Lösung' gelegt, die sich
zwischen zwei Kunstglasscheiben
dehnt.
Was sich dort 'löst' ist Walfischtran. Zwei gänzlich verschiedene Substanzen -
deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie etwas konservieren - werden
in Kontakt gebracht. Und, wie bei einem Laborversuch, lässt sich 'mit der Zeit'
ablesen, was geschieht. Der Wal-Tran und das Photo- Material gehen eine
Verbindung ein, setzen sich miteinander in Beziehung. Sie 'opfern' etwas von
ihrer jeweiligen Eigenheit und ihrer (Bedeutungs-)Zuweisung, und
amalgamieren/bilden so ein Neues. Doch dieses Neue ist Altes.
Es ist nicht der leichte Braunstich, wie ihn Jahrhundertwendephotos haben, der
dazu verleitet, den Topos 'Vergangenheit' aufzurufen. Der Rück-Blick reicht
weiter. Das innere Auge wandert, springt, stolpert, fliegt durch die Zeiten,
weit über den historischen Moment
hinaus,
als die Photographie erfunden wurde. Sprachloses, vielleicht einstmals
Geschautes, will sich formen. Symbole,
Zeichen,
Insignien, Rituale beginnen zu schwirren, doch verweigern sich einer
'Schluss-Folgerung', einer letztendlichen
Zu-Ordnung
Vertrautes mischt sich mit Unbekanntem. Und immer ist Schönheit dabei, eine
seltsame, fremde, anziehende, eine Schönheit, die zuweilen auch weh tut.
"Denn das Schöne ist nichts, als des schrecklichen Anfang". (Rilke)
Nicht das Material oder die Technik sind es, sondern das Dargestellte selbst,
das eine Veränderung, eine Erhöhung erfährt. Das Bild zeigt einen vollbärtigen,
aufrecht stehenden Mann mit ausgebreiteten Armen vor und inmitten eines
tropischen, afrikanischen Waldes. Die Üppigkeit der Flora erinnert an
Karbonlandschaften
und ist zugleich so unwirklich wie Rousseaus 'Dschungel'. Der erschrockene,
doch zugleich wütend-aggressive Blick des Mannes, der sicheren Stand erst zu
suchen scheint, ist dem Betrachter zugewandt. Er steht dir - lebensgroß - Aug
in Aug gegenüber, getroffen, gebannt, erschreckt und gleichzeitig (be-)schützend
- in einer Sekunde höchster Anspannung und Dynamik 'ins Bild gesetzt'. Und es
ist, als empfinde dieser Mensch im selben Augenblick Zorn über das, was da
unerwartet mit ihm - und der Landschaft um ihn? -geschieht. Es wird erzählt,
das auch heute noch bei manchen so genannten 'Eingeborenenstämmen', eine
heilige Scheu vor der Abbildung eines Menschen besteht. Ein Photo wirkt dort
als sei die Seele entzogen, als habe derjenige, der dieses Bild besitzt, Macht,
Bann und Zauber über den, geworfen, der abgebildet ist.
Die Lebenden und die Toten
Wir
sind begleitet, von den Toten - nicht nur durch die Pflege des Grabes oder der
Erinnerung. Wir sind nicht allein, sondern in gewisser Weise auch umgeben von
ehemals mit uns verbundenen Menschen und deren Leistungen. Nur sind wir uns
dessen nicht immer bewusst. "Die größte Illusion, der sich die Menschheit
der Zukunft hingeben könnte, wäre die, wenn man glauben wollte, dass dasjenige,
was die Menschen als soziales Leben unter sich, als Zusammenleben hier auf der
Erde mit ihrem Fühlen, mit ihrem Willen entwickeln, dass das mit Ausschluss der
Toten geschähe, bloß mit irdischen Einrichtungen." (2) Wir haben nur
keinen Begriff und kein Gefühl davon, wie sich dieses Mitwirken gestaltet. Wir
haben noch wenige Sensorien, wenig Aufmerksamkeit entwickelt aber unser
Tagesbewusstsein hinaus. Oft erleben wir im Alltag Situationen, deren Tragweite
wir gar nicht ermessen können, weil wir 'keinen Begriff' davon haben.
"Denken Sie doch nur einmal, wie oft Sie - diese Dinge muss man eben im
Kleinen auch beobachten - weggehen wollen von zu Hause: Sie werden aufgehalten
eine halbe Stunde. Solche und ähnliche Dinge kommen
tausendfach
im Leben vor. Sie sehen nur, was dann geschieht, wenn Sie die halbe Stunde
aufgehalten worden sind; Sie erwägen gar nicht, was ganz anderes geschehen
wäre, wenn Sie vor einer halben Stunde gegangen wären! So greift ein ganz
anderes Reich in unser Leben fortwährend herein, das Reich des
Schicksalsgemäßen, das der heutige Mensch noch gar nicht beachtet, weil er
eigentlich nur den Blick auf dasjenige richtet, was eben geschieht, und nicht
darauf, was fortwährend aus seinem Leben ferngehalten wird." (2)
Zeit(en) - Räume - Farbe
Waldo
schickt mir sein 'Wappenschild'. Er sagt, es sei ein für ihn sehr bedeutsames
Werk, vielleicht das wichtigste. Es heißt 'Stundenobjekt'
und ist von Michael Rutkowsky, einem Kollegen und
ehemaligen Studienfreund aus der Beuys Klasse Raum 20 an der Düsseldorfer Kunst
Akademie. Auf einer hellen gemaserten Holzplatte entfaltet sich in
Ultramarin-Blau der Schemen eines menschlichen Profils. Ein Quadrat, ebenfalls
aus Holz und von gleicher Starke wie die Bildtafel, akzentuiert die Bildmitte
und kennzeichnet zugleich das Jochbein dieses augenlosen Kopfes. Im Quadrat
kreuzen sich diagonal die metallenen Windungen einer Unendlichkeitsschleife,
eines Stundenglases. Die Drahtfigur ist der Bildfläche vorgesetzt und in ihrer
Eigenständigkeit nur durch das aufgesetzte Quadrat mit der Bildtafel verbunden.
Die
untere Hälfte dieser Stundenglasfigur ist geöffnet, ist Ein- oder Auslass. Was
dort ins Außen weist, wie nach außen gestülpt wirkt, hat seinen Gegenpol in der
oberen Hälfte der Figur, in der Einbuchtung/Ausbuchtung, die sich in sie
hineinzieht. Es scheint, als entstehe durch die untere Öffnung eine Art Sog,
wie bei einem Unterdruck, wenn die Luft abgezogen wird. Man gewinnt den
Eindruck, dass, was auch immer sich auf der einen Seite verändert, auf der
Gegenseite unweigerlich seine umgekehrte Entsprechung nach sich zieht. Beide
'Räume' sind im Kreuz, dessen Mitte, miteinander verbunden. Ein Punkt also ist
Schnittstelle und Schwelle, über die der eine Raum in den anderen wechselt.
Der zentrale Punkt
Eine
ähnliche 'Schnitt- Stelle, wie in der Mitte des 'Stundenobjekts', befindet sich
auch in der linken oberen Ecke
des
'blauen Bildes' in Waldo Bien's ‚ Death
Room Interior'. Die Oberkreuzung
liegt hier außerhalb des Rahmens, und so weist die herangeführte Linie über
ihre Begrenzungsfunktion hinaus, und ruft ein 'Weiter', ein 'noch nicht Zu
Ende-Seiendes' hervor. Das hermetische Quadrat wird aufgelöst. Die Anwesenheit
des 'Gegenraumes', die Umstülpung der blauen Fläche in ihr Gegenüber, existiert
- vorerst - nur in der Vorstellung.
Stundenplastik - Plastik der Stunde
In
diesem 'Stundenobjekt' von Michael Rutkowsky liegt,
wie auch in Waldo Bien's ‚Death
Room Interior', Zeit
eingebettet, als Weltenrhythmus und dessen räumlicher Anschauung. Zeit-Raum
erfüllt sich im Einatmen und ausatmen. Einatmen Ausatmen.
Gewöhnlich
nehmen wir Zeit als etwas wahr, das 'im Takt' ist.
Doch die Natur, und wir in ihr, leben Rhythmen. Die immer genauere
(wissenschaftliche) Beobachtung ihrer Wieder-Holungen
-z.B. dem Wechsel von Tag und Nacht, von Ebbe und
Flut, unserem Pulsschlag usw. - hat dahin geführt, "dass sich das Zeitmass
von den natürlichen Vorgängen abgekoppelt und damit das Prinzip des Takts
gegenüber dem Rhythmus durchgesetzt hat." (6) 'Zeit' meint heute
'Uhrenzeit'. Das eigene Zeitgefühl wird oft für unzuverlässig gehalten und
deshalb in Zweifel gezogen. Genau hier aber ist "eine der Stellen, wo man
beginnt, den Menschen aus der Wissenschaftlichkeit auszuschließen - mit der
Folge, dass die Wissenschaft letztlich unmenschlich wird.1' (6) Was 'Not tut'
ist das Wieder-Finden unseres eigenen, inneren Maßes
und verbunden damit der Wahr-Nehmung für die großen Zyklen und Rhythmen, in die
alle Planeten und Sterne und jegliches Geschehen im Kosmos eingebettet sind.
Waldo
Bien trägt Zeit, trägt Zeit-Raum ab, wenn er Schicht
um Schicht der Kohle abschält, bis sich die endgültige' Form entkleidet. Die
Vorstellung, dass sich da Millionen Jahre erdgebundenen und kosmischen
Geschehens auffächern, ist schwer fasslich, und doch hat hier Zeit Gestalt
angenommen.
Blau - Gefasste Unendlichkeit
Blau,
die Farbe der Transzendenz, der Verwandlung. Blau und Gold waren in der Malerei
seit Alters her Ausdruck des Göttlichen und Erhabenen. Doch jenseits dieser Ent-Rücktheit, scheint dem Blau aber auch etwas Festigendes
anzuhaften, das in die Form, in das Formende drängt. Mehr als bei anderen Farben
des Regenbogens will sich hier etwas verdichten. Wäre diese Eigenschaft, die
sich nur in der Empfindung nachvollziehen lässt, auch eine mögliche Erklärung
dafür, dass Leonardo da Vinci bei seinen Farbstudien das Blau der Luft sich aus
"vollkommenem Schwarz und vollkommen reinem Weiß" gestalten lässt -
dem dichtesten und dem luzidesten 'Material'? (4) Wäre dann das Blau, als
Synthese aus Licht und Finsternis, die Aufhebung der Polarität ? Oder doch nur
Finsternis, mit der Goethe das Blau unauflöslich verknüpft?
In
Waldo Bien's ' Death Room Interior' setzt das 'Blaue
Bild' - in Proportion und Ausführung - den Kontrapunkt. Von allen Farben, die
man gedanklich in den ehernen Rahmen 'zwingen' könnte, hat allein Blau Bestand.
Es scheint hier die Fähigkeit zu haben, das Schwarze, Eisenbewehrte in sich
hineinzuziehen, ihm Leichtigkeit zu verleihen - wie ein tiefer Atemzug Freiheit
schafft. Da sind sie plötzlich, Bergleute, die aus der Tiefe des Schachts
hinaufschauen und am 'Ende des Tunnels' den verheißungsvoll schimmernden Himmel
erblicken. Ein sehr reales 'Prinzip Hoffnung'. Nirgends sonst findet sich diese
‚unerhörte', mit nichts zu vergleichende Bläue, diese all
umfassende
Reinheit, die mitten ins Herz trifft. Es ist die Sonne, die das lockende
Himmelsblau vor den schwarzen Urgrund des Weltenalls ‚zaubert'.
Blau entsteht dort, wo sich Helles über Dunkles breitet?
Ich
versuche, mich dem Bild 'begrifflich' zu nähern, doch es entzieht sich immer
wieder einer möglichen Beschreibung, wo diese über die Angabe von Massen,
verwendetem Material und Oberflachenbeschaffenheit hinausgeht. Wie auch ließe
sich etwas fassen, was doch offenbar nur in der Empfindung Raum hat, jenem
Reich 'ohne Worte'. Spannend wäre vielleicht, mit mehreren Menschen eine
Zeit-lang vor diesem Bild zu verbringen, um dann zu hören, was zu hören war - vor-urteils-los.
Es
heißt, dass Farbe sich ausschließlich im Kopf abspiele. Sie werde als
Wahr-Nehmung über das Auge eingespiegelt und korrespondiere mit der subjektiven
Beschaffenheit des 'organischen Apparats'. Jede/jeder sähe deshalb etwas
Anderes, das sie/er z.B. Blau nennt, wenn sie/er diese Farb(Rezeptoren)Konstellation
'ortet'. Es gibt für das Farben sehen keinen Archetypus, sondern nur einen
Annäherungswert, bzw. eine Vereinbarung, die alle subjektiven 'Verlautbarungen'
umschließt. Doch was sind überhaupt Farben? Wie entstehen sie? Ist das Licht
Träger der Farben, oder haften sie 'den Dingen' unauflöslich an, 'strömt es von
Körpern und macht sie schön' (Goethe, Faust), oder entstehen sie möglicherweise
ganz anders. Sind sie gar Ton-Bilder oder Fenster, durch die man in die
geistige Welt steigen kann?
Ich
möchte von Waldo Bien wissen, welchen Stellenwert er
selbst de Bild zuweist. Die Antwort fällt knapp und ein wenig sybillinisch aus:
"Über das 'Blaue Bild' wird zu einem späteren Zeitpunkt noch zu reden
sein". Doch es gibt eine Geschichte, die er mir anstatt gern erzählt.
1986, während er an 'The Death
Room Interior' arbeitet,
erhält er den Anruf, dass Joseph Beuys gestorben ist. Merkwürdig oder nicht, im
selben Augenblick denkt er: Blau. Die Farbe und ihre Umsetzung im Bild betreten
in genau jenem Moment - als unverzichtbarer, 'komplementärer' Teil der Instalation-
die Welt der Erscheinungen. So wunderbar diese Geschichte klingt, ich bin mir
sicher, dass Farbe und Bild ihren Platz auch ohne diese Begebenheit in 'The Death Room
Interior' eingenommen hätten. Andererseits gefällt
es
mir sehr, im Nachhinein so anschaulich zu finden, was immer wieder 'Thema'
meiner Annäherungen an 'Das Sterbezimmer' war. Bei Fertigstellung des
Manuskripts finde ich einen Satz, der mich seitdem umkreist: "Urteile
haben Farbe". (5) Was das wohl bedeutet?
Anmerkungen:
(1) Rudolf
Steiner: Kunst und Kunsterkenntnis. Neun Vorträge 1888 – 1921 Dornach, 1961
(2) Rudolf
Steiner: Der Tod als Lebenswandlung. Dornach, 1986
(3) Rudolf
Steiner: Das Wesen der Farben. Drei Vorträgen. Dornach,
1986
(4) entnommen/zitiert
aus dem Katalog zur Ausstellung Blau: Farbe der Ferne
Hans
Gercke (Hrsg.) Heidelberg, 1990
(5) Rudolf
Steiner: Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt man zum Schauen der
geistigen Welt? Dornach, 1992
(6) Georg
Kniebe (Hrsg.) Was ist Zeit? Die Welt zwischen Wesen
und Erscheinung. Stuttgart, 1993